[Aktuell] Stellungnahme des Thienemann Verlags

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Ihr Lieben,

gerade habe ich auf Facebook eine Stellungnahme des Thienemann Verlages auf deren Facebook-Seite gelesen, die zwar teilweise verstehen kann, aber nicht tolerieren möchte und kann! Ich bin trotzdem noch immer der Meinung, dass diese Veränderung -egal ob die Urheber dem Vorhaben zustimmen, oder nicht- nicht notwendig ist!

Hier findet ihr das komplette Statement des Verlages:

Wegen der anhaltenden Diskussionen über die Modernisierung von „Die kleine Hexe“ und Missverständnissen, die in diesem Zusammenhang entstanden sind, möchten wir folgende Erklärung geben:

Die Entscheidung des Thienemann Verlags, den Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler zu modernisieren, hat einen Diskurs in der Presse und in Internet-Foren entfacht. Zum Teil werden in der Diskussion falsche Behauptungen weitergegeben, die auf einer ungenauen Recherche fußen, weshalb in der folgenden Stellungnahme die Position und Entscheidungsfindung des Verlags noch einmal erläutert werden.

Schon seit längerer Zeit beschäftigen wir uns mit dem Gedanken, ob bestimmte Begriffe von Kindern heute noch verstanden werden.
Die kolorierte Neuausgabe von „Die kleine Hexe“ (geplant für Juli 2013) hat den Thienemann Verlag veranlasst, das Wort „Neger“ in „Die kleine Hexe“ zu streichen und auch eine Modernisierung des Textes bezüglich anderer, dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr üblicher Begriffe vorzunehmen. Konkrete Änderungen werden gerade erarbeitet.

Wir wollen keine Texte gendern oder Begriffe absurd, aber politisch korrekt, austauschen.
In jener Szene, in der das Wort „Neger“ auftaucht, wird Fasching gefeiert. Otfried Preußler ist dabei wichtig, diese Tradition darzustellen. Die Kinder verkleiden sich auf verschiedene Weise und darunter muss nicht notwendig eine Verkleidung als „Neger“ sein. Der Inhalt der Szene, der Witz und die Intention werden nicht verändert, wenn eine andere, nicht ethnische Verkleidung gewählt wird. Dies ist ein Beispiel für eine behutsame Veränderung, ohne dass dabei die Geschichte verfälscht oder unsinnig gemacht wird.
Niemand hat Otfried Preußler je Rassismus vorgeworfen. Im Kontext der Entstehungszeit waren die fraglichen Begriffe neutral, aber aus heutiger sind sie es eben nicht mehr.
Wir halten eine Modernisierung auch bei anderen veralteten und ungebräuchlichen Wörtern für sinnvoll. Zum Beispiel kennen Kinder das Wort „wichsen“ nicht mehr im Sinn von „putzen“ oder „polieren“. Früher wurden Stiefel eben gewichst. Wenn also im Text steht, dass Kinder „durchgewichst“ werden, erscheint es uns sinnvoll, daraus „verhauen“ zu machen.

Aktuell ist eine Modernisierung nur für „Die kleine Hexe“ angedacht, in der auch nur zwei Kapitel betroffen sind. Änderungen für „Der Räuber Hotzenplotz“, wie mancherorts behauptet wird, sind nicht geplant und momentan auch für keine weiteren Bücher aus dem Thienemann Verlag.

Grundsätzlich werden Textänderungen nie ohne die Zustimmung des Urhebers vorgenommen und wir Mitarbeiter des Verlags gehen nie leichtfertig mit den uns anvertrauten Texten um. Jeder fragliche Begriff wird abgewogen und mit dem Autor besprochen, ob er bleiben soll und muss oder ersetzt werden sollte. Letztendlich obliegt die Entscheidung dem Autor.

Weil uns die Texte so wichtig sind, glauben wir, dass sie im Laufe der Zeit bedachtsame Bearbeitungen benötigen. Sie würden sonst für Kinder unverständlich und nicht mehr gern gelesen werden. Zum Beispiel heißt es in den meisten Ausgaben von Grimms Märchen im Rotkäppchen nicht mehr: „Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah …“. Der Begriff „Dirne“ wird heute anders verstanden und wurde deshalb fast überall durch „Mädchen“ ersetzt.

Wir können die sachlichen Argumente, die gegen eine nachträgliche Bearbeitung eines Textes wie „Die kleine Hexe“ angeführt werden, nachvollziehen. Wir führen Argumente an, die uns ebenso wichtig erscheinen.
Wir stehen als Verlag von Kinder- und Jugendliteratur in einer Verantwortung für die von uns veröffentlichten Texte. Auch die Bücher von Otfried Preußler werden häufig schon von Kindern allein gelesen und es ist nicht selbstverständlich davon auszugehen, dass ein Erwachsener dem lesenden Kind Begriffe erklärt oder die Umstände der Entstehung kennt. Nur in den wenigsten Fällen – und sicherlich nicht in der wohligen Vorlesesituation – führen Anmerkungen oder Fußnoten zu schwierigen Begriffen zu einem Diskurs mit Kindern. Deshalb sollte ein Text für Kinder möglichst nicht falsch verstanden werden können. Sprache beeinflusst das Bewusstsein und wo ein diskriminierender Begriff vermieden werden kann, halten wir es für vernünftig ihn wegzulassen.
©Thienemann Verlag via Facebook

Und was sagt ihr dazu?

Liebe Grüße
Anne

3 Kommentare Add yours

  1. Tanja sagt:

    Ganz ehrlich, ich bin entsetzt! Die gute alte deutsche Sprache!

  2. Ich ertrag das ja gar nicht. Da können wir ja gleich Faust umschreiben, weil das heute die Mehrheit der Idioten in Deutschland nicht versteht. WAS bitte soll das? Wo soll unsere deutsche Sprache denn hinkommen, wenn wir in Literatur rumpfuschen???

    Ich hatte bisher nur die Diskussion in den Medien mitbekommen – diese Stellungnahme war mir neu. Und ich find’s ne Frechheit. Jaja, die Autoren müssen zustimmen. Ich kann mir schon vorstellen, wie das passiert…

    1. Klaus Reuss sagt:

      Hallo Anne,

      ich kann dir, und noch weniger den VorkomentatorInnen, nicht ganz zustimmen. Leider wird in der ganzen Diskussion die Verlags- und Lektoratsarbeit unterschätzt, die auch schon in den ersten Ausgaben steckt. Wohl kaum ein Buch ist in den letzten 100 Jahren so auf den Markt gekommen, wie es als Manuskript beim Verlag angekommen ist. Und sogar schon vorher hat das Manuskript eine aufwendigen Prozess durchlaufen, bis es der Autor überhaupt eingereicht hat.

      Darüber hinaus muss, gerade bei Kinderbüchern, z.B. die Rechtschreibung, Zeichensetzung etc. aktualisiert werden. Dadurch entstehen Spannungen, zwischen der Grammatik und den Wörtern, die im ursprünglichen Text nicht vorhanden waren. Aus meiner Sicht wäre also gerade der Verzicht auf die Anpassung einiger Wörter eine Verfälschung des Textes.

      Dabei gilt aber auch, was ich oben schon gesagt habe, dass man den „ursprünglichen“ Text nicht als ein, dem Autoren von den Göttern eingegebens, Heiligtum betrachten sollte, sondern als ein Produkt, das im Blick auf die Zielgruppe, Absicht des Autors, etc. einen Prozess durchlaufen hat, der nicht deshalb abgeschlossen sein muss, weil das Buch schon in einer früheren Ausgabe veröffentlicht wurde.

      Ich möchte euch bitten, das nicht als Kritik zu verstehen, sondern als Denkanstoß.

      LG
      Klaus

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